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15.09.2008 - Brautschau im Ausnahmezustand
Deshalb gehen gerade die Gebildeten unter ihnen zunehmend im Internet auf die Suche nach der großen Liebe. "In meiner Bankfiliale arbeiten keine Frauen, ich wollte aber auch nicht, dass meine Mutter eine Braut für mich sucht", erzählt der 29-jährige Omar Assir. "Ich wollte mich auf jeden Fall erst verlieben." So surfte der junge Christ aus dem Viertel Kassadija durch die Internetseite Iraq4u.com und fand die vier Jahre jüngere Glaubensschwester Evan Fadi. "Ich war begeistert, als sie mir verriet, dass sie auch Christin ist", sagt Omar Assir.
Zweimal haben sich die beiden aus Sicherheitsgründen erst getroffen. Heimlich, in einem Cafe im Zentrum von Bagdad. Gefunkt hatte es schon vorher beim Chatten. "Ich wollte den Mann meiner Träume treffen", sagt Evan. "Aber wie, wenn ich die ganze Zeit eingeschlossen zu Hause sitze? Zu Beginn habe ich Omar nur durch seine Worte gekannt, aber ich liebte seine Art zu denken." Evan Fadi hat Sprachen studiert. Doch Arbeit hat sie nicht - eine typische Situation für die jungen Frauen im heutigen Irak, wie die 52-jährige Soziologin Oum Mohammed sagt: "Viele Frauen arbeiten nicht, weil ihre Eltern Angst haben, sie aus dem Haus zu lassen."
Ähnliches berichtet auch der 20-jährige Ingenieur Mustafa Kasem, der seine Verlobte im Internetforum seiner Universität kennengelernt hat. "Ich glaube, die Iraker suchen im Internet nach ihrer Liebe, weil man sich sonst nirgendwo mehr treffen kann", sagt er. "Wenn die Mädchen ihr Studium abgeschlossen haben, bleiben sie hinterher zu Hause." Soziologin Oum Mohammed ist überzeugt, dass das der wichtigste Grund für den Erfolg der Internet-Kontaktbörsen ist: "In einigen Kreisen haben sie inzwischen sogar die klassische Heiratsvermittlerin abgelöst, die traditionell die Kontakte zwischen jungen Menschen im heiratsfähigen Alter hergestellt hat", berichtet sie.
Doch was wie eine gute Lösung für das Problem einer ganzen Generation im zerrütteten Irak aussieht, stößt nicht bei allen auf Gegenliebe. Nur wenige Eltern mögen ihre Tochter einem Schwiegersohn anvertrauen, den diese aus einem anonymen Datennetz gefischt hat. Ali Adnan, 30 Jahre alt und Ingenieur, hat die Eltern seiner Auserwählten trotz mehrerer Anläufe nicht überzeugen können. Dass er selbst Sunnit und seine Braut Wadian Schiitin ist, sei nicht der Grund, sagt er. "Ich habe dreimal versucht, mich mit ihren Eltern zu treffen, aber sie wollen nicht, weil sie denken, dass das Internet nicht der richtige Weg ist, sich kennenzulernen." Ali wird es weiter versuchen. "Ich werde meine Liebe nicht aufgeben", sagt er.
Auch Omar Assir und Evan Fadi flattern schon die Nerven, weil der 29-Jährige bald um die Hand seiner Verlobten anhalten will. "Es ist völlig ausgeschlossen, dass wir meinen Eltern gestehen, wie wir uns wirklich kennengelernt haben", sagt Evan Fadi. Deshalb hat sie eine Freundin eingeweiht. "Sie wird sich als unsere Vermittlerin präsentieren."
(15.09.2008 / Quelle: © 2008 AFP)



