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29.05.2008 - Souverän und leidenschaftslos ganz nach oben

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Berlin (AFP) - Der Mann gilt als hart und widerstandsfähig. Das muss er auch sein - als Chef der Deutschen Telekom sowieso und jetzt inmitten der Spitzelaffäre in seinem Konzern um so mehr. Im vergangenen Jahr schob René Obermann 50.000 Angestellte in eine externe Servicegesellschaft ab - dort arbeiten sie nun mehr und verdienen weniger. Die Gewerkschaften streikten über Wochen, doch der Telekom-Chef blieb hart, und er setzte sich durch. Die Kunden murren derweil weiter über mäßigen Service, die Aktionäre über die dümpelnde T-Aktie. Und der Großaktionär Staat will zwar keinen Ärger mit den Gewerkschaften, will auch, dass die Telekom im Festnetz schrumpft - aber dass das Unternehmen dennoch wächst.

Jetzt kommt für Obermann ein neuer Kampfplatz hinzu: Mindestens ein Jahr lang hat die Telekom ihre eigenen Spitzenleute überwacht, um undichte Stellen im Konzern zu entdecken. Und angesichts neuer Enthüllungen könnte die Affäre ein noch viel größeres Ausmaß annehmen als bislang bekannt. Dabei rückt auch Obermann, der zur Zeit der Überwachung noch nicht im Amt war, ins Zentrum: Hat er die Affäre bislang verschwiegen und unter den Teppich gekehrt?

Doch auch das könnte der Telekom-Chef wegstecken, wenn er weitermacht wie bisher: offensiv als Unternehmer - zurückhaltend als Privatperson. Sich selbst, den Menschen Obermann, hält er weitgehend aus der Öffentlichkeit zurück. Emotionen gehören für den 45-Jährigen nicht ins Geschäft. Er gibt sich souverän, aber leidenschaftslos. So dürfte ihm auch der öffentliche Rummel um seine Beziehung zur Fernsehmoderatorin Maybrit Illner ein Graus gewesen sein. Der Telekom-Chef Obermann aber stellt sich der Öffentlichkeit, und deshalb setzt er sich auch dann in eine Diskussionsrunde, wenn es um überhöhte Managergehälter geht.

Jetzt muss Obermann also kämpfen, für die Aufklärung der Affäre, aber dagegen, persönlich verantwortlich gemacht zu werden. Kämpfen kann der Telekom-Chef, denn das musste er schon in seiner gesamten Karriere. Der 1963 Geborene wuchs in einfachen Verhältnissen bei seinen Großeltern in Neuss auf. Er absolvierte zunächst eine Ausbildung als Industriekaufmann bei BMW, dann begann er ein Studium der Volkswirtschaftslehre in Münster. Parallel gründete er seine erste Firma - und stieg gleich in die Telekommunikationsbranche ein: ABC Telekom verkaufte Telefone, Anrufbeantworter und Kopiergeräte. Schon im zweiten Jahr machte das Unternehmen eine Million Mark Umsatz.

Sein Studium schmiss Obermann deshalb schon vor dem Vordiplom und baute ohne internationalen Telekommunikationskonzern im Rücken ein bedeutendes Unternehmen auf - ohne einen internationalen Telekommunikationskonzern im Rücken. 1991 übernahm Hutchison Whampoa aus Hongkong die ABC Telekom. Obermann machte in dem neuen Unternehmen weiter Karriere, bis er vor zehn Jahren zur Telekom wechselte. Auch hier stieg er beharrlich auf: Zunächst war er Geschäftsführer im Vertrieb von T-Mobile Deutschland, dann Vorsitzender der Geschäftsführung. 2002 wechselte er als Mobilfunk-Vertreter in den Vorstand der Telekom und wurde zugleich Chef von T-Mobile International.

Ende 2006 folgte der letzte Karriereschritt: Nachdem der damalige Telekom-Chef Kai-Uwe Ricke mit seinen Sparplänen im Konzern gescheitert war, berief der Aufsichtsrat Obermann auf den Chefposten. Hatte er bei T-Mobile noch den Teil des Konzerns vertreten, der unendlich zu wachsen schien, setzte er nun auf einen "Spagat", wie er ankündigte: zwischen einem harten Sparkurs und dem Aufbau einer neuen Servicekultur in der ehemaligen Bundesbehörde. Dabei machte er sich einen Namen als Mann für unpopuläre Entscheidungen. Klare Worte scheute er dabei selten, und das könnte ihm jetzt auch in der Spitzelaffäre helfen. Denn die muss er aufklären, so schnell wie möglich - schon, um sich selbst zu schützen.

(29.05.2008 / Quelle: © 2008 AFP)