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09.01.2008 - Diskussionsraum Wikipedia: Chemnitzer Medienwissenschaftler analysiert Online-Enzyklopädie

Medienwissenschaftler Christian Pentzold
"Als eine der ersten Buchpublikationen überhaupt beschäftigt sich der Band mit der Online-Enzyklopädie Wikipedia. Wikis zählen zu den erfolgreichsten Entwicklungen in der jüngeren Geschichte des World Wide Web und Wikipedia ist das mit Abstand größte Wiki", so Christian Pentzold, Absolvent des Studienganges Medienkommunikation an der Chemnitzer Universität. Im Januar 2001 gegründet, existiert Wikipedia inzwischen in mehr als 230 Sprachen. Die Entstehung von Wikis - also Internetplattformen, die Nutzer nicht nur lesen, sondern auch in Echtzeit bearbeiten können - verfolgt Pentzold im ersten Teil seines Buches. Außerdem geht er hier auf die Entwicklung von Wikipedia und der zugehörigen Forschung, der so genannten Wikipedistik, ein.
"Vielen Wikipedia-Nutzern wird bei ihrer Informationssuche nicht unmittelbar auffallen, dass hinter den Artikeln ein verzweigter Raum besteht, in dem die Autoren ihre divergierenden Standpunkte austauschen und dabei beständig in den Text eingreifen. Im Versionsarchiv des Artikels aber wird es durch die sedimentartig sich ablagernden alten Versionen und auf den Diskussionsseiten durch die dort aufgezeichneten Debatten ablesbar", so Pentzold. Mit den Worten "Dieser Artikel diffamiert Verschwörungstheorien an sich als falsch und geisteskrank. So nicht!" beginnt beispielsweise ein so genannter "Edit War" zum Wikipedia-Eintrag "Verschwörungstheorie", der im Juli 2005 entstand. Dieser Edit War - eine Debatte auf der Diskussionsseite, die teilweise im Minutentakt abläuft und so einer persönlichen Konfrontation recht nahe kommt - entbrannte rund um die Frage, ob der entstehende Text ausreichend neutral sei. Da der Kritiker nicht mit fortbringenden Argumenten aufwartet, sondern lediglich Text und Autoren beschimpft, wird der Edit War schließlich beendet, indem ein Moderator den Diskussionsteilnehmer ausschließt.
Diese oft kontroversen Wege, die zur Entstehung von Beiträgen in Wikipedia führen, analysiert Christian Pentzold. Dafür zieht er das Diskurskonzept des französischen Philosophen, Psychologen und Soziologen Michel Foucault zu Rate. Dieser hat sich wissenschaftlich damit beschäftigt, wie Wissen entsteht. Ihm folgend ist Wissen immer ein Ausdruck von Macht. Wie sehr um diese Macht gekämpft wird, zeigt Pentzold an zwei Beispielen auf: In der deutschen Wikipedia hat er sich mit dem Artikel "Verschwörungstheorie" befasst, in der englischen Version analysierte er den Eintrag "7 July 2005 London bombings". "Ich möchte mit dieser Studie einen möglichen Weg zur Analyse der kollaborativen Editierprozesse, die sich im Hintergrund der Wikipedia-Artikel abspielen, ausarbeiten. Vordringliches Interesse soll sein, eine theoretisch-methodische Perspektive zu entwickeln, um sich der Wikipedia in ihrer doppelten Existenz als Informationsspeicher und Diskussionsraum im neuen Netz nähern zu können", so Pentzold.
Bibliographische Angaben: Christian Pentzold: Wikipedia - Diskussionsraum und Informationsspeicher im neuen Netz, 2007. Reinhard Fischer Verlag, 294 Seiten, ISBN 978-3-88927-434-2, Euro 20
(09.01.2008 / Quelle: saxxess.com / TU Chemnitz / Bild: TU Chemnitz, Fotograf: Mario Steinebach)



